Zum Inhalt

Leadership im Leistungssport

11.4.2016

Der Coach steht hinter dir

Stacey Nolan, internationaler Basketball-Coach, im Interview zu effektivem und authentischem Leadership

Barbara Friesenbichler: Herr Nolan, Sie haben Ihre Basketball-Karriere nach den Anfängen in Kalifornien und Hawaii als internationaler Profi-Spieler in China gestartet und nach mehreren Jahren als lizenzierter FIBA- Coach die Seiten gewechselt. Wie verstehen Sie in Ihrer Headcoach-Rolle effektives Leadership?

Stacey Nolan: In meiner Position als Headcoach verstehe ich mich als Leader meiner „Arbeiter“, denn es sind die Spieler, die letztlich die ganze Arbeit leisten. Effektives Leadership bedeutet, ein Ziel zu haben, einen realistischen Traum. Wo möchtest du dein Team sehen, wo wird und soll das Team am Ende des Weges stehen? Das klare Ziel in unserem Fall ist, die Championship zu gewinnen.

Nun haben wir das Ziel und als Coach muss man die Anforderungen verstehen, die dieses Ziel mit sich bringt. Und diese Anforderungen sind die zugrundeliegende Philosophie, markieren den zu gehenden Weg. Wir wollen die Championship gewinnen und unsere Route dahin ist dieser Weg.

Barbara Friesenbichler: Das Ziel ist klar, der Weg festgelegt: wie setzen Sie das nun mit Ihrem Spielerteam konkret um?

Stacey Nolan: Ein effektiver Leader ist in der Lage, seine Stärken zu bündeln, um dieses Projekt zum Erfolg zu führen. Das kann bedeuten, Spieler rauszunehmen und neue Spieler ins Team zu bringen. Auch das ist ein wesentlicher Teil effektiver Führung, zu erkennen, was man nicht hat, was man braucht. Aber auch, was man aufgeben muss, um zum Ziel zu kommen.

Barbara Friesenbichler: Was sind also die nächsten Schritte?

Stacey Nolan: Wenn man das Ziel kennt und weiß, was es braucht um zu diesem Ziel zu kommen, muss man als Führungskraft auch ein präzises Verständnis für die dafür erforderliche Leistung und Umsetzung entwickeln. Und das ist es, was jemanden zum effektiven Leader macht. Du kennst das Ziel, du siehst, mit welchen Spielern du arbeiten musst, und dann geht es um klare Entscheidungen: wer soll neu ins Team geholt werden, wer muss unter Umständen auch rausgenommen werden.

Barbara Friesenbichler: Bleiben wir bei diesem Punkt. Nehmen wir an, Sie übernehmen am Saisonstart ein neues Team. Was tun Sie, um diese 2 Erfolgskomponenten – das klare Ziel und das neue Team – wirksam zu vereinen? Wie fangen Sie an?

Stacey Nolan: Der allererste Schritt für mich ist, die Spieler mental hinsichtlich der Philosophie und nötigen Anforderungen an Board zu holen. Dann hat jeder im Team – was enorm wichtig ist – das gleiche Verständnis entwickelt. Dann sind alle bereit, die harte Arbeit zu leisten, die es braucht, um das gemeinsame Ziel zu erreichen.

Wenn man ein Team übernimmt und aufbaut, weiß man relativ schnell, mit welchen der Spieler man ein erfolgreiches Jahr haben wird. Und daneben gibt es jene Spieler, die man entwickeln muss. Diese Spieler sind genauso wichtig wie die Key Player des Teams!

Sobald alle im Team wahrnehmen, dass jeder Einzelne sein Bestes gibt, konzentriere ich mich als Coach auf jene Spieler, die ebenso hart arbeiten aber trotzdem ein wenig nachhinken. Mein Ziel ist es, sie auf ihren persönlich bestmöglichen Level zu bringen, den sie zu leisten im Stande sind.

Es geht ebenso darum, allen auf positive Weise konstruktive Kritik näher zu bringen. Das kann dein bester Spieler sein, dem du sagst: „Schau mal, das und jenes machst du hervorragend. Diese anderen 2 Punkte sind noch nicht optimal. Das (…) möchte ich diesbezüglich konkret von dir.“ Die übliche Antwort darauf ist: „Ok Coach, ich werde noch härter an diesen Punkten, meinen Schwachstellen arbeiten.“ Sobald dein Key Player diese Einstellung hat, überträgt sich das auf das ganze Team. Mental sind sie stark und bereit, geschlossen als eine Einheit auf das Ziel der Championship hinzuarbeiten.

Barbara Friesenbichler: Sie erwähnen einen Punkt, der auch für die Führung im Geschäftsleben über nachhaltigen Erfolg entscheidet: die Einstellung einer Person. Wenn Sie also mit einem neuen Team zu arbeiten beginnen, die Menschen hinter den einzelnen Spielerrollen kennenlernen: wie vermitteln Sie das „big picture“ des gemeinsamen Zieles und der dazu erforderlichen Grundhaltung?

Stacey Nolan: Jeder Spieler hat seine individuelle Lebenseinstellung. Als Leader musst man das spezielle Mindset jedes einzelnen Spielers kennen und verstehen.

Barbara Friesenbichler: Das bedeutet also, Sie setzen sich wirklich mit den einzelnen, unterschiedlichen Persönlichkeiten im Detail auseinander, um zu wissen, wie jeder einzelne Spieler tickt.

Stacey Nolan: Ja, aber es geht nicht darum, zu persönlich zu werden. Ich betrachte unterschiedliche Ebenen, die ich adressiere: da ist zum Einen die „technische“ Ebene, wo es darum geht, dass ein Spieler das macht, was du als Coach von ihm brauchst. Daneben geht es um den Bereich seiner Persönlichkeit, darum, wer er ist. Die nenne ich seine mittlere Zone. Und dann gibt es noch eine Ebene im Hintergrund mit all den Dingen, die sich in seinem Leben hinter den Kulissen abspielen, über die man nicht Bescheid weiß. Als Coach musst du in Betracht ziehen, dass sich im Hintergrund im Leben der Spieler Dinge ereignen. Ich möchte in diese Details nicht einsteigen, aber ich muss erkennen, wenn es einen Störfaktor in diesem persönlichen Bereich gibt. Ich treffe den Spieler in seiner mittleren Zone, dort möchte ich sozusagen in seinem Kopf sein. Ich möchte wissen, ob jemand ein tougher Typ oder ein sehr sensibler Mensch ist. Dann kann ich das auch den anderen Spielern vermitteln, damit sie wissen, wie sie am besten miteinander umgehen.

Barbara Friesenbichler: Wie überzeugen Sie einen Spieler, angenommen mit einem ziemlich schwierigen Charakter, dass Sie nicht versuchen, seine Persönlichkeit zu ändern, aber eine authentische Beziehung zu ihm brauchen, um mit ihm arbeiten und ihn ins Team integrieren zu können?

Stacey Nolan: Man muss akzeptieren, dass das sein Wesen ist – dass er ein herausfordernder Charakter ist, mit dem Umgang nicht einfach ist. Aber wenn du als Leader mit ihm unter vier Augen zusammen bist, lässt du ihn wissen: „Ich mische mich nicht in deine privaten Angelegenheiten ein, mir ist jedoch wirklich jeder einzelne Spieler im Team wichtig. Wenn du Hilfe brauchst, bin ich da für dich. Und wenn du mich mit deinem Temperament konfrontierst, ist das für mich ok, solange du nicht respektlos bist. Weil ich dich als Person verstehe.“

Barbara Friesenbichler: Gibt es Ihrer Erfahrung nach noch andere Zugänge, die Sie wirksam finden?

Stacey Nolan: Ich persönlich baue immer auch auf ein Stück Humor. Das muss nicht der erfolgreichste Weg für jeden sein, aber am Ende des Tages möchtest du als Coach, dass alle im Team gut drauf sind. Ein Beispiel: wenn sich ein Spieler, eine Spielerin gerade durch eine Trennung vom Partner beeinträchtigt ist und sich vor einem Spiel gereizt verhält, würde ich vielleicht etwas sagen wie: „Hey, der Grund für deine Verärgerung ist deine Ex-Freundin, dein Ex-Freund. Stell dir einfach vor, sie/er ist im gegnerischen Team. Viel Spaß während des Spiels.“

Dann weiß er, dass du ihn verstehst und vom Leben eine Ahnung hast und nicht sauer auf ihn bist. Dass du nur versuchst, ihn dazu zu bringen, seinen Job möglichst gut zu machen. Dass du ihn unterstützt, die Dinge zu tun, die es braucht, um die Championship zu gewinnen. Ich habe selbst mit Spielern dieser Art gespielt und hab selbst solche Spieler gecoacht. Ich war ebenso immer ein guter Freund für meine Kollegen und Spieler. Sie fühlten sich von mir angezogen, weil klar war, „das ist ein Typ, der das Team liebt, egal was du zu ihm sagst. Der immer hinter dir steht, um dich zu unterstützen.“ Jeder Spieler muss das wissen.

Und sobald das alle wissen, können sie entspannt zum Training kommen. Dann passt die Atmosphäre, dann sind sie froh hier zu sein, einander zu sehen. Dann können sie auch für diese zwei Stunden die unerfreulicheren Dinge des Lebens vergessen und das Spiel genießen.

Barbara Friesenbichler: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Aktualisiert am 15. April 2016