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Wortführung…

7.1.2015

…oder:  die unerträgliche Leichtigkeit klarer (Führungs-)Sprache!

Ich bitte Sie, kurz innezuhalten.

Ich möchte keinen Plagiatsversuch gestehen – Milan Kundera wird in diesem Artikel keine Rolle spielen. Ich lade Sie ein,  Ihre Aufmerksamkeit auf etwas ganz Bestimmtes zu richten.

Wie lange konkret ist es her, seit Sie selbst das letzte Mal mit unzureichender, missverständlicher oder unachtsamer Kommunikation (in Bezug auf sich selbst oder andere, tja – beides zählt!) konfrontiert waren? Beruflich oder privat.

Jeder von uns kennt seine individuelle Antwort. Ich stelle ohne große Bedenken die Hypothese auf: gar so lange werden Sie in Ihrem geistigen Kalender womöglich nicht zurückblättern müssen. Und ich bitte Sie ebenso, sich kurz zu überlegen, was Sie selbst mit “klarer Sprache” verbinden. “Klartext reden”  oder “Tacheles reden”: damit bringen wir in aller Regel nicht gerade die angenehmsten unserer kommunikativen Begegungen in Verbindung. Der Begriff “Tacheles” ist übrigens eine Abwandlung des Ursprungswortes “Tachles”, welches vom hebräischen “tachlit” in seiner jiddischen Umformung kommt und bedeutet, dass man offen miteinander diskutiert und seine Meinung zur Sache sagt.

Generell hatte es die Lebensdramaturgie für uns also des Öfteren so vorgesehen, dass jener, welcher das Vorrrecht des Klartextes hatte (oder es sich nahm), in der familiären, sozialen oder beruflichen Hirarchie über demjenigen stand, der verstörter oder unwilliger Empfänger jener Klarbotschaft war.

In diesem Zusammenhang wundert es nur marginal, dass es scheinbar eine latente aber hartnäckige Furcht davor gibt, Botschaften klar, konkret und eindeutig (zivilisiert versteht sich von selbst) an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Klartext hat sich im Laufe der Zeit, und durch konsequenten Missbrauch Unbedachter, den Nimbus des Bedrohlichen, Verletzenden erschlichen.

Wir könnten jetzt beinah meinen, dass dieser Umstand nur für ernste oder unangenehme Inhalte Gültigkeit hat. Weit gefehlt! Interessanterweise tun wir uns anscheinend mindestens so schwer, auch wertschätzenden, wohlwollenden, sympathiebekundenden Worten in angemessener Form Ausdruck zu verleihen. Ein schönes Beispiel dafür fand ich unlängst in Peter Ustinovs Buch “Achtung! Vorurteile”, das ich Ihnen nicht vorenthalten will:

” ….Der Historiker und Diplomat Carl Jakob Burckhardt, einst Präsident des Internationalen Roten Kreuzes und Hoher Kommissar des Völkerbundes begleitete einmal einen Bauern aus der Nachbarschaft vom Friedhof nach Hause. Dessen Frau war gerade beerdigt worden. Der alte Weinbauer wirkte nicht besonders traurig, er schien den Tod seiner Frau zu akzeptieren. …. Nun steht er wieder in seinem Haus, aber er muss sich selbst seinen Kaffee machen. Er spricht kein Wort und Burckhardt respektiert dieses Schweigen. Dann, auf einmal: ” Wissen Sie, ich hab meine Frau so sehr gemocht, dass ich es ihr beinah gesagt hätte.”

Ich schlage uns allen vor, an dieses Beispiel zu denken, wenn wir uns das nächste Mal in eine Situation verirren, in der wir unserem Gegenüber etwas Positives, Ermutigendes, Aufbauendes, Bestärkendes sagen könnten. Vielleicht tun wir es dann sogar.

Kommunikation ist immer auch Ausdruck der Beziehung zum anderen. Sollten Sie jetzt etwas unwillig die Stirn runzeln, da dieses schließlich nichts Neues ist – Recht haben Sie! Trotzdem jonglieren wir uns interessanterweiser regelmäßig durch die tagtäglichen verbalen Stromschnellen, die uns manchmal gehörig ins Schleudern bringen können.

Im beruflichen Kontext darf es außerdem noch ein bisschen komplexer sein. Die Beziehungsebene erweitert sich neben der menschlichen schließlich auch noch um die fachliche und hierarchische Beziehung. Eine kompetente Führungskraft weiß diese Ebenen zu unterscheiden – und kommuniziert auch entsprechend differenziert. Der alles entscheidende Punkt: das (rationale) Wissen um diverse Kommunikationstechniken ist sehr wesentlich, doch das allein genügt nicht.

Sorgsame und professionelle Gestaltung beruflicher Beziehungen (auch privater, nebenbei bemerkt) erfordert eine reflektierte und gereifte Persönlichkeit – und den Mut zur Emotion. Außerdem braucht es die spürbare Vertrauensbasis für ein offenes Gespräch auf gleicher menschlicher Augenhöhe. Dann kann auch Klartext wieder als das erlebt werden, was er eigentlich immer sein sollte: die aneinander interessierte, wertschätzende Begegnung von Menschen, die sich wirklich etwas zu sagen haben – und es auch tun.

Über Ihre Kommentare und Fragen freue ich mich!
Barbara Friesenbichler bf@bfriesenbichler-consult.at

 

Aktualisiert am 24. März 2015